K800_gelbe schuh 2004

Mein Schatz trägt

gelbe Schuh

Sonntag, 19. September 2004, 17 Uhr
CHRISTUSKIRCHE,  RECKLINGHAUSEN

KLEZMER- UND CHORMUSIK
AUS DEM SÜDOSTEN EUROPAS
mit Werken von Brahms, Dvorák und Elgar

La Piccola Banda (Klezmer-Musik),
Dorothee und Antonello Simone  LEITUNG

Madrigalchor Recklinghausen e.V.
Lucius Rühl LEITUNG

Teresa Simone VIOLINA
Eleonore Mulear KLAVIER

klezmer


Recklinghäuser Zeitung, 21.09.2004

Von melancholisch bis zu temperamentvoll

KONZERT: Madrigalchor bot ein farbenreiches Programm

„Es ging der Mond unter, ich eilte doch munter, und eilte, dass keiner mein Liebchen entführt…,,: Volksliedhaft, mit warmem Kolorit kam dieses Brahmslied daher, dynamisch und rhythmisch sehr fein gestaltet: „Der Gang zum Liebchen“ erklang nun bei einem Konzert des Madrigalchors in der Christuskirche.

VON BRUNHILD SCHMELTING

Und hier wie auch bei den weiteren Chorwerken Brahms‘ („Der Falke“, „Neckereien“, „An die Heimat“) bestach der Vortrag durch klangliche Intensität und Ausgewogenheit. Und dies, obgleich etliche Stimmen krankheitshalber ausgefallen waren. So standen an diesem Abend nur acht Herren auf dem Podium, während die Damen immerhin 22 Stimmen zählten. Doch gelang es hier dem künstlerischen Leiter Lucius Rühl, durch kluge Ökonomie die dem Chor eigene sublime Ausdruckskraft unter Beweis zu stellen.

Und auch fünf Lieder Antonin Dvoráks, dessen 100. Todestages in diesem Jahr weltweit gedacht wird, erfuhren -hier in tschechischer Sprache gesungen – eine Interpretation voller Glanz und Wohlklang. Gäste aus Euskirchen ergänzten das Programm instrumental. So gefiel „La Piccola Banda“, eine hoch engagierte Folkloregruppe der dortigen Musikschule, mit rumänischen, serbischen, ungarischen und jiddischen Weisen, mal voller Melancholie, mal von mitreißendem Temperament. Solistisch trat die 13-jährige Geigerin des Ensembles, Teresa Simone, mit Dvoráks „Zigeunerweise“ und dem Bravourstück „Die Lerche“ von Grigoras Dinicu hervor, die sie mit feinem lyrischen Ton und beachtlicher Technik vortrug. Sie wurde einfühlsam begleitet von Eleonore Mulear, Dozentin für das Fach Klavier an der Musikschule Euskirchen, die auch den Klavierpart bei den Brahmsliedern übernahm. Und auch bei Edward Elgars selten zu hörendem Zyklus „Scenes from the Bavarian Highlands“ („Szenen aus Bayerns Bergen“), gesungen in englischer Sprache, boten Chor und Klavier zum Ausklang ein fein abgestimmtes Musizieren in reichen Farben.


Was ist Klezmer-Musik?

Ursprünglich ist Klezmer (sprich „Klesma“, mit weichem s) die jüdische Musik Osteuropas der letzten Jahrhunderte, die v.a. zu Hochzeiten und anderen Festen gespielt wurde. Klezmer hat also nichts mit israelischer Musik zu tun, wie manchmal vermutet wird, sondern ist zwar jüdisch, aber eben eine Musik aus Osteuropa, mit vielen Verbindungen zur rumänischen, russischen und zur Roma-Musik.

Im 19. Jahrhundert lebten an die 7 Millionen Juden in Osteuropa, vom Baltikum im Norden über Russland, Polen und die Ukraine bis nach Rumänien im Süden. Als Wiege der Klezmermusik wird Moldawien angesehen.

Die Juden lebten meist abgesondert, in eigenen Stadtviertel (den „shtetls“) oder Dörfern, mit ihrer eigenen Kultur, Religion, Sprache (dem Jiddischen) und Musik. Sie waren immer wieder politischer Willkür, wirtschaftlichen Benachteiligungen, Ãœbergriffen, Pogromen und Vertreibungen ausgesetzt und so kam es schon lange vor dem Holocaust, v.a. in der Zeit zwischen 1880 und 1920, zu großen Auswanderungswellen.

Das Hauptziel der Auswanderer war Amerika, und hier v.a. New York. Für lange Zeit war New York die Stadt mit der weltweit größten jüdischen Bevölkerung. Die Musik veränderte sich hier natürlich allmählich, sie wurde urbaner, griff Jazz-Elemente auf, und die Klarinette, die schon in Osteuropa Anfang des 20. Jahrhunderts die Geige zu verdrängen begann, wurde endgültig zum typischen Hauptinstrument des Klezmer.

Aber hier fand die Klezmermusik eine Nische, wo sie überleben konnte. Denn die osteuropäische jüdische Kultur, so wie sie jahrhunderlang bestanden hatte, würde von den Nazis mit dem Holocaust vollständig ausgelöscht.

Mit dem Klezmer-Revival, das in den 60/70ger Jahren begann, machten sich amerikanische Klezmermusiker der jüngeren Generation auf, ihre Wurzeln in Osteuropa zu erforschen, letzte noch lebende Musiker kennenzulernen, die Musik aufzunehmen und zu notieren.

So haben wir heute doch einen ziemlich reichen Schatz an Noten- und Aufnahmematerial, sowohl des ursprünglichen europäischen als auch des neueren amerikanischen Klezmers. Und das Revival ist immer noch nicht zu Ende: Klezmer wird heute weltweit von jüdischen wie von nicht-jüdischen Musikern gespielt und hat sich fest in der Weltmusik-Szene etabliert.

Daniel Marsch

(Quelle: http://www.tangoyim.de/klezmer.php)